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Was passiert, wenn wir uns verlieben und warum dieses Gefühl oft trügerisch ist

„Verliebtheit ist eine temporäre Hormonvergiftung. 

Meist heilt sie von alleine ab.“  (Aus: Ewald Arenz, Der große Sommer)

Die knochentrockene Analyse eines Medizinprofessors in Ewald Arenz großartigem Sommerroman klingt etwas sehr nüchtern, ist aber leider auch sehr wahr. 

Denn erstens: Verliebtheit hat oft weniger damit zu tun, dass wir den wunderbarsten, aufregendsten, bestpassendsten Menschen der Welt getroffen haben – als mit einer deutlich hormonbedingten Beeinträchtigung unserer Sinne, unserer Urteilsvermögens und unseres Verhaltens.

Und zweitens: Verliebtheit endet. Immer. Zwangsläufig. Weil unser Körper den Hormonüberschuss über eine gewissen Phase hinaus schlichtweg nicht aushalten könnte.

In der Psychologie wird das Verliebtsein als: „Ein intensives Gefühl der Zuneigung, das, gepaart mit einer Einengung des Bewusstseins, zu Fehleinschätzungen des Objektes der Zuneigung führen kann”, beschrieben.

Also was ist da los? 

Was bringt uns dazu, uns erst geradezu zwanghaft auf die Liebste/den Liebsten zu fokussieren, kaum zu schlafen oder zu essen, uns selbst und die Welt übermäßig großartig zu finden…. um dann nach ein paar Monaten die rosarote Brille wieder abzulegen und uns wieder ganz normal zu verhalten? 

Warum sind wir so berauscht und manchmal so verblendet, dass wir, wie es in einem Radiofeature auf BR3 formuliert wurde, „mit Brad Pitt ins Bett gehen und (nach ein paar Monaten) mit Fred Feuerstein wieder aufwachen?“ 

Erklärungsansätze liefern uns Biochemie, Evolutionsbiologie und die Neurowissenschaft: 

Wenn wir uns verlieben, mixt unseren Körper einen spezifischen und sehr wirkmächtigen Hormoncocktail zusammen.

Da ist zum einen das sogenannte Glückshormon Dopamin. Dopamin sorgt für Hochstimmung, für Euphorie und für Rauschgefühle. Ähnlich wie bei Menschen, die Koks zu sich nehmen.

Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass verliebte Menschen, die im Kernspintomographen ein Bild ihres Liebesobjektes zu sehen bekommen, eine ähnliche Aktivierung ihres Belohnungssystems aufweisen, wie Drogensüchtige, die bei demselben Versuch Bilder ihrer Droge sehen. Oder gerade Drogen konsumiert haben. 

Wenn wir verliebt sind, sind wir also hormonell betrachtet schlichtweg “auf Droge”. Was vielleicht ein wenig erklärbarer macht, warum sich Verliebte permanent sehen wollen, nicht genug voneinander bekommen können und sich in Gedanken nur noch umeinander drehen. Suchtsymptome… die jeder Drogenabhängige genauso beschreiben würde.

Parallel dazu steigen die Spiegel des Stresshormons Noradrenalin und des Aufputschhormons Adrenalin. Beide versetzen uns in Alarmbereitschaft, sorgen für den erhöhten Herzschlag, die Ruhelosigkeit und das kribbelige Gefühl, das wir poetisch als Schmetterlinge im Bauch bezeichnen. Wir sind hellwach und angespannt – schlafen können wir erstmal nicht.

Und als wäre das nicht genug, haben wir  gleichzeitig weniger Serotonin im Blut, also weniger von dem Hormon, das eigentlich für Ausgeglichenheit sorgt. Neuropsychologen beschreiben den Serotoninspiegel Verliebter als so niedrig wie den von Zwangserkrankten.  

Eine ganz schön wilde Hormonmischung also, die zu einer Intensität der Gefühle führt, die viele Menschen wunderschön – aber auch als unglaublich anstrengend empfinden.

Und die, wie vorhin schon angedeutet, gar nicht so viel damit zu tun hat, dass das Objekt unserer Verliebtheit wirklich gut zu uns passt, wirklich die Eigenschaften hat, die wir uns von einem Partner/einer Partnerin langfristig wünschen würden. 

Denn während in unserer Verliebtheit unsere Hormone tanzen und unser Belohnungssystem vor Aktivität erglüht, fährt ein anderes Hirnareal im selben Moment eher etwas herunter: Der präfrontale Cortex, der für das Abwägen, Einschätzen,  Nachprüfen und die rationalen Entscheidungen zuständig ist. 

Liebe oder besser: Verliebtheit macht eben blind – und schwächt unsere Urteilsfähigkeit und unseren kritischen Verstand.

“Das Prüfen folgt dann erst auf die Euphorie”, wie der Sexualpsychologe Prof. Ulrich Clement es formuliert.

Oder anders gesagt, erst wenn sich unser Hormonhaushalt wieder eingepegelt hat, uns die biochemischen Prozesse wieder zur Ruhe kommen lassen und wir wieder “normal” denken und urteilen, fangen wir auch an, uns wirklich und aufrichtiger mit unserem “Verliebtheitsobjekt” zu beschäftigen.  

Und plötzlich können wir wieder erkennen, dass unser Gegenüber nicht perfekt, sondern so wie wir selber eben auch, ein Mensch mit Ecken und Kanten ist. Wir können wieder wahrnehmen, dass unsere neue Flamme Eigenschaften hat, die wir vielleicht gar nicht so mögen. Und dass es vielleicht auch Dinge gibt, die wir beim anderen bzw. bei der anderen vermissen. 

Aber wozu ist das so? Wozu müssen wir den anderen so rauschhaft überhöhen, warum werden wir überhaupt so zwanghaft, so euphorisch, so Liebes-gaga?

Folgt man den Evolutionsbiologen, so dient das Stadium der Verliebtheit in erster Linie der Fortpflanzung. 

Um Nachkommen zu zeugen, braucht der Mensch Motivation. Sex muss Spaß machen, sonst haben wir keinen – jedenfalls nicht freiwillig.

Natürlich können wir auch Sex haben, ohne uns zu verlieben – aber wir werden dann sehr darauf aufpassen, lieber keine Nachkommen zu zeugen. Und wir werden uns schon gar nicht gemeinsam um sie kümmern, wenn doch welche dabei entstanden sein sollten. 

Damit wir uns also fortpflanzen UND auch eine gewisse Zeit zusammen bleiben, müssen wir eine gewisse Begeisterung füreinander empfinden. 

Wir brauchen diesen rauschhaften Zustand, der uns wenig schlafen, aber viel Sex haben lässt – und der es uns bei der Auswahl des/der Partnerin vielleicht nicht ganz so genau nehmen lässt. Denn auch diese Auswahl ist, so beschreiben es jedenfalls die Biologen, weniger rational geprägt als durch Pherhormone geregelt. Pherhormone steuern, dass wir die- oder denjenigen attraktiv finden, der genetisch so gut zu uns passt, dass wir möglichst gesunde Kinder zeugen werden. 

Und so haben wir ein paar Monate Zeit dazu, viel Sex zu haben, berauscht zu sein – bis der Nachwuchs gezeugt ist und ein weiteres Hormon dafür sorgt, dass wir uns nach der rauschaften Verliebtheitsphase nicht sofort trennen: Das Bindungshormon Oxytocin. Denn wenn die Euphorie langsam wieder abebbt, wenn sich die Spiegel von Dopamin, Noradrenalin, Adrenalin und Serotonin langsam wieder einpendeln, dann übernimmt das  Oxytocin die Regie. 

(Es sei denn, unser wieder verlässlicher arbeitendet präfrontaler Cortex hat uns deutlich darauf hingewiesen, dass wir uns in unserem Liebesobjekt getäuscht haben. Dann trennen wir uns trotzdem.) 

Klingt alles ganz schön fremdbestimmt, oder? 

Zum Glück werden die Forschungserkenntnisse von BiochemikerInnen und EvolutionsbiologInnen durch Analysen aus anderen Fachrichtungen ergänzt.

Denn neben den Pherhormonen, die vielleich  wirklich einen gewissen Einfluss auf die Auswahl unserer PartnerInnen haben können, werden wir ja auch durch unsere Sozialisation und unsere kulturelle Herkunft beeinflusst.  

Wir sind kulturell geprägte Menschen. Wir haben Vorlieben und  Haltungen, einen gewissen Ausbildungsstand, Lebenserfahrungen und einen kulturell geformten Geschmack.  Und all das beeinflusst die Auswahl des oder derjenigen, in die wir uns verlieben oder mit denen wir zusammen bleiben möchten, in ganz erheblichem Maße. 

Und wir haben auch über die Verliebtheitsphase hinaus Sex, weil es einfach schön ist. Oder, wie es der Biopsychologe Peter Walschburger ausdrückt: Sozialbeziehungen machen uns glücklich. Es geht nicht nur um Fortpflanzung, sondern auch um Romantik. Und sicher sind wir manchmal auch ganz zu recht euphorisch, weil wir den Menschen getroffen haben, der uns wirklich wunderbar ergänzt.

Kann es trotzdem nützlich sein, etwas über die biochemischen Prozessen des Verliebtseins zu wissen? Meiner Erfahrung nach ja.

In meiner Praxis für Paartherapie in Berlin Schöneberg habe ich oft erlebt, dass es Menschen beruhigt hat, wenn ich ein wenig von dem großen Einfluss der Hormone auf das Gebaren ihres Partners/ihrer Partnerin oder sich selbst erzählt habe. 

PartnerInnen, die gerade betrogen wurden, fanden es erleichternd zu hören, in welchem Maße Botenstoffe ihrem fremdgehenden Partner/ihrer fremdgehenden Partnerin gerade das Gehirn vernebeln. Sie fanden es hilfreich zu erfahren, dass die Urteilskraft in der Phase der Verliebtheit reduziert ist und sie als bekannte PartnerIn vielleicht doch in ein paar Monaten nicht ganz chancenlos dem/der euphorisch hochgejubelten Neuen gegenüber stehen könnten.

Menschen, die eine Affaire beendet haben, um mit ihrer Partnerin/ihrem Partner zusammen zu bleiben, hilft es oft sehr, wenn ich ihre großen Verlustgefühle mit dem Leid eines Drogenentzugs vergleiche. Auch wenn die Entscheidung für die bestehende Partnerschaft aufrichtig und mit Herzblut getroffen wurde, erleben Menschen, die sich auf eine Affäre eingelassen haben, oft erstmal Leere und Unglück, wenn sie diese wieder beenden. Sie müssen dann wirklich erstmal durch eine schmerzhafte Zeit hindurch, bis der Hormonhaushalt sich wieder reguliert hat. Sich zu entlieben ist ein bisschen wie ein Drogenentzug. 

Die Vorstellung, dass der Rausch der Verliebtheit nach einer gewissen Zeit sowieso geendet hätte, wird übrigens ebenfalls oft als nützlich empfunden. 

Auch Menschen, die sich für eine neue Liebe von ihren PartnerInnen getrennt haben, finden es oft hilfreich, etwas über die Zyklen des Verliebtseins zu erfahren. Dann nämlich, wenn sie nach einer gewissen Zeit feststellen, dass auch mit der neuen Partnerin/dem neuen Partner nicht alles rosarot ist und verunsichert sind, ob sie die richtige Entscheidung getroffen haben. Es kann die goldrichtige Entscheidung gewesen sein, auch wenn die Euphorie verblasst ist.

Egal, welche Rolle Menschen gerade einnehmen, ob sie Betrügende, Betrogene, Neu Verliebte, offen Geliebte oder verheimlichte Dritte sind… eigentlich ALLEN nützt der Hinweis, dass es gut ist, Ruhe zu bewahren. 

Verliebtheit ist “nur” Verliebtheit und heißt erstmal nicht wirklich viel.

Sie kann sich wunderschön anfühlen und anstrengend sein.

Was sich aus ihr entwickelt, das ergibt sich wirklich erst später – und unterliegt ganz anderen Einflüssen. 

Quellen: Brian Earp, Love is the drug. The chemical future of our relationships, 2020,

Ulrich Clement, Wenn Liebe fremdgeht, 2010,

Carrie Jenkins, What Love is, 2017

Ewald Arenz, Der große Sommer, 2021

Foto: Pixabay.de